Rückblick Clavichordtage 2009

gross chlavichord Chlvichord 2

Die Deutsche Clavichord Societät e.V. (DCS) veranstaltete vom 23. bis 25. Oktober ihre diesjährigen Clavichordtage auf Schloss Heynitz. Durch Konzerte, Kurse, Vorträge und Ausstellungen kam es zum Dialog zwischen Clavichordspielern, Musikwissenschaftlern, Instrumentenbauern und interessierten Laien.

Programm

Freitag, 23. Oktober 

  • 13.00 - 17.30 Uhr - "Erstkontakt mit dem Clavichord" - Ein Einführungsseminar mit Miklós Spányi in die Spielkunst des Clavichords für Spieler sonstiger Tasteninstrumente.
  • 20.00 Uhr - Clavichord-Rezital mit Miklós Spányi mit Werken von Wilhelm Hertel, Friedrich Wilhelm Rust, Carl Fasch, Joseph Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach. 

Samstag, 24. Oktober  

  • 10.00 - 18.00 Uhr - Clavichord-Ausstellung durch Instrumentenbauer, Restauratoren und Mitglieder der DCS. Möglichkeiten des Gespräches, des Erfahrungsaustausches und der Beratung.
  • 14.00 Uhr - Vortrag von Prof. Dr. phil. habil. Frank-Harald Greß: "Gottfried Silbermann als ´Instrumentenmacher´ im Umfeld des Dresdner Hofes". Der geplante Vortrag von Jan Katzschke entfällt.
  • 15.30 - 17.00 Uhr - Instrumentenvorführung durch Instrumentenbauer und Restauratoren.
  • 18.30 Uhr - "Tastenmusik des 17. und 18. Jahrhunderts" - Dietrich Kollmannsperger spielt Werke von Antoni van Noordt, Girolamo Frescobaldi, Matthias Weckmann, Vincent Lübeck, Dietich Buxtehude, Johann Krieger und Johann Sebastian Bach.

Sonntag, 25. Oktober

  • 9.00 - 11.00 Uhr - Clavichord-Ausstellung durch Instrumentenbauer, Restauratoren und Mitglieder der DCS. Möglichkeiten des Gespräches, des Erfahrungsaustausches und der Beratung.
  • 9.00 - 11.00 Uhr - "Stimmung und Pflege von Clavichorden" - Ein Kurzseminar mit dem Instrumentenbauer Martin Kather, Hamburg.
  • 11.30 Uhr - "Myn hertis lust", Instrumentalmusik aus Mittelalter und Renaissance. Ein Konzert mit Alfred Gross (Clavichord, Clavicytherium, Gotische Harfe).
  • 14.00 - 18.00 Uhr - Interpretationskurs mit Miklós Spányi für Mitglieder der DCS und andere interessierte Clavichord-Spieler.

Berichte zu den Tagen

chlavichord chlavichord gross

Freitag, den 23. Oktober 2009 · Bericht von Dorothea Demel

Im Schloss angekommen, umgab uns sofort eine gastfreundliche Atmosphäre. Im 1. Stock des Schlosses waren schon die Clavichorde ausgestellt in einem angenehmen wohnlichen Raum mit Erker. Nachdem wir uns gegenseitig schon beim Buffet mit Spezialitäten aus biologischem Anbau begrüßt hatten, wurde es Zeit für das Konzert im Kapellensaal im dritten Stock des mächtigen burgähnlichen Schlosses.

Miklós Spányi, der Solist des Abends, ist sicher einer der besten Clavichordspieler. Er kann die Möglichkeiten des Clavichords exzellent ausnutzen für sein überaus expressives Spiel. Die Musik klingt überzeugend, schwerelos, als würde er einfach improvisieren und das auch bei schwierigen Passagen. Miklós spielte auf einem großen, bundfreien Clavichord nach sächsischen Vorbildern, gebaut von Joris Potvlieghe, Belgien, das einen sehr kräftigen Klang hat und gut zur gespielten Musik passte. So konnte man die Charakteristika der unterschiedlichen vorgestellten Komponisten sehr gut hören, der mehr höfische Charakter von Georg Bendas Sonate a-moll, die frischen Klänge der Sonate B-dur von Carl Friedrich Christian Fasch (Sohn des bekannteren Johann Christian Fasch), dessen Musik noch viel zu selten in Konzerten zu hören ist, obwohl es einige neuere Notenausgaben gibt (z. B. Cornetto, Fuzeau). Schließlich spielte Miklós noch die wilde, virtuose Sonate e-moll von Friedrich Wilhelm Rust.

Spanyi

Nach der Pause empfand man die Musik Carl Philipp Emanuel Bach doch als den „reinen” Sturm und Drang. Es zeigte sich auch Miklós’ große Erfahrung mit dieser Musik, inzwischen ist seine CD 17 mit Solo Keyboard Music von C. P. E. Bach erschienen. Die Variationen C-dur, Wq 118/10 und die Sonate g-moll wurden wieder mit dieser herrlichen Schwerelosigkeit vorgetragen, die diese Musik so edel und delikat erscheinen lässt. Ganz im Sinne von C. P. E. Bach beschloss Miklós den Abend mit einer Improvisation oder, passender gesagt, „freien Fantasie” als Zugabe.

Samstag, den 24. Oktober 2009 · Bericht von S. Sitter

Vormittags konnten wieder die ausgestellten Instrumente ausprobiert werden, der Nachmittag begann mit einer Führung um das Schloss. Nach einer Mittagspause folgte der Vortrag über „Gottfried Silbermann als Clavierbauer im Umfeld des Dresdner Hofes” des Musikwissenschaftlers und Organisten Prof. Dr. Frank-Harald Greß, der dankenswerterweise kurzfristig einspringen konnte für einen ausgefallenen Vortrag. Durch den Ausfall haben wir zwar ein interessantes Thema verpasst (nämlich „Musik für Tasteninstrumente am Dresdner Hof im 17. und 18. Jahrhundert” von Jan Katzschke) – aber auch Herrn Greß’ Vortrag war spannend, zudem anekdotenreich und lebendig vorgetragen: glücklicherweise, da zur Zeit der „Siesta” ab 14:00 Uhr!

Nach dem Vortrag folgte die Vorstellung der meisten ausgestellten Clavichorde mit Erläuterungen ihrer Erbauer und Musikbeispielen. Da die Instrumente erst kurz vor der Vorstellung in den geheizten Raum gebracht worden waren, kamen ungewollte und unerwartete, auch schmerzhafte Dissonanzen vor; es musste teilweise während des Spielens, sozusagen virtuos, die Stimmung korrigiert werden!

Nach der Mitgliederversammlung folgte das Abendkonzert. Dietrich Kollmannsberger spielte norddeutsche Orgelmusik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts auf dem Clavichord, also waren um 100 Jahre ältere Werke als im Konzert des Vorabends zu hören. Die Werke waren ausgewählt zur Verdeutlichung einer musikalischen Tradition, die selbst z. B. von Frescobaldi beeinflußt war, und in der wiederum J. S. Bach stand. Wie Herr Kollmannsperger sagte, seien sie als Unterrichtsstücke geschrieben worden; Orgelschüler seien erst dann, wenn sie auf diesem Niveau spielen konnten, ins Pedalspiel eingeführt worden. Den musikalischen Kontrast zum Konzert des Vorabends – es war hörbar tatsächlich „Orgelmusik” und keine „empfindsame” Musik, die sich vor uns entwickelte – fand ich deshalb so reizvoll, weil das Clavichord innerhalb seiner langen Blütezeit ja auch das Unterrichts- und Übungs-Instrument der Organisten war.

Das Konzert wurde vorgetragen auf einem wunderbar schlichten kleinen Instrument, zweifach gebunden mit Tonumfang C–e3. Es ist gebaut von Dick Verwolf aus Leiden nach einem anonymen Original aus Süddeutschland, das im Gemeentemuseum in Den Haag steht. Die zeitliche Datierung schwankt zwischen dem frühen 18. Jahrhundert und, laut Bauplan des Gemeentemuseum, 1780; wobei diese späte Datierung durchaus plausibel wäre, da man in Süddeutschland ältere Bauweisen lange beibehalten und erst zum Ende des Jahrhunderts hin bis e3 erweitert hat.

Sonntagvormittag, den 25. Oktober 2009 (I) · Bericht von Antoinette Hermert-Grün

Wer das Schloss Heynitz besucht, betritt in dessen oberstem Geschoss den Kapellensaal, wo links ein großer Kachelofen steht. Auf der gegenüberliegenden Längsseite ist die eigentliche Kapelle angebracht, wie eine schlichte Apsis, in deren Halbrund man mehrere kleine Fenster mit Butzenscheiben und alten Glasmalereien sieht.

Für das Matineekonzert am Sonntag wurden die Instrumente auf dieser Seite vor der Öffnung zur Kapelle aufgestellt: ein Clavicytherium, eine diatonische Harfe (ein Nachbau der sogenannte Wartburgharfe) und ein Clavichord nach Leipzig Nr. 2 (Martin Kather). Das Clavicytherium ist ein aufrechtes „Cembalino” mit einer Zupfmechanik, das Vorbild ist im Royal College of Music in London zu sehen.

Wir Zuhörer – mit wiederum zahlreichen neuen Gästen – saßen in mehreren Reihen in großem Halbkreis darum herum. Alfred Gross überzeugte mit seinen fundierten Erläuterungen zur Wahl der Instrumente und zu den für manchen doch ungewohnten Klängen. So gestaltete sich das Konzert vom lauten Instrument, dem Clavicytherium mit gezupften Darmsaiten, über den Klang der Harfe bis zum leisen Renaissance-Clavichord. Man könnte sich bei einigen Stücken gut vorstellen, dass auch andere Melodiestimmen oder Gesang dazu passten. Die Werke des Programmes stammten aus Sammlungen wie dem Codex Faenza, aus dem Buxheimer Orgelbuch, aus Kompositionen von Conrad Paumann und anderen Komponisten. In diesen mittelalterlichen modalen Stücken konnte man gut die üblichen Zäsuren, die Kadenzen mit den charakteristischen Klauseln heraushören. In den Tabulaturen wurden die vielleicht ursprünglich vokalen Stücke schon damals für ein Tasteninstrument gesetzt, sie können auf diesem sehr virtuos gespielt werden. Die Diskantstimme kann sich über dem Tenor, der meist der Träger der Hauptstimme ist, mit Läufen und Floskeln entfalten. Zur Interpretation auf dem Clavichord unterhielten wir uns anschließend über die Möglichkeiten der Fingersetzung: soll man ohne Daumen spielen und die Hand stets sehr tief halten? Eine modernere Handhaltung und der Gebrauch des Daumens sind aber nicht grundsätzlich auszuschließen.

Nach der Pause erklang wiederum zuerst das Clavicytherium mit Kompositionen aus dem englischen Raum. Die Vielfalt der überlieferten Musik aus dem Mittelalter erkannte man an dem reichen Wechsel von polyphonen, auch fugierten Stücken, zu solchen mit einer Art Bordunbegleitung. Myn hertis lust (Johannes Bedyngham) – hier auf der Harfe gespielt – wurde von Alfred Gross eigens für diese arrangiert. Er konnte die Klangfarben wundervoll variieren und die Musik mit Echos agogisch gestalten. Die Auswahl der Stücke, die vorgestellten Instrumente und die Feinfühligkeit der Interpretation hat manchen Zuhörer sehr berührt. Wieder erklang im letzten Teil des Konzertes das Clavichord; mit Stücken von Hans Kotter, Paul Hofhaimer u. a. hat Alfred Gross auch der Tradition aus dem süddeutschen Raum gedacht. Mit weiteren Zugaben, jeweils auf den drei Instrumenten gespielt, bedankte sich der Künstler für den Applaus.

Sonntagnachmittag, den 25. Oktober 2009 (II) · Bericht von Hartmut Schlums

Den Ausklang der Clavichordtage auf Schloss Heynitz bildete am Sonntagnachmittag der ca. vierstündige Interpretationskurs unter der Leitung von Miklós Spányi. Hierfür bot der Barocksaal des Schlosses, ein etwas kleinerer, aber sehr feiner Saal mit herausragender Akustik das ideale Ambiente. Der Kurs adressierte vorrangig die Deutsche Claviermusik in der Zeitspanne von 1650 bis 1800 und es hatten sich hierfür insgesamt acht Teilnehmer eingefunden, von denen die meisten jeweils eine Clavierkomposition vorbereitet hatten. Mit Ausnahme einer Recercar Nono von Girolamo Frescobaldi stammten die vorgetragenen und behandelten Stücke von Johann Sebastian Bach (Sinfonia Nr. 8 BWV 794 und Duetto Nr. 3 BWV 804) sowie dessen beiden ältesten Söhnen Wilhelm Friedemann (Solo-Konzert G-Dur F40) und Carl Philipp Emanuel (Kopfsätze jeweils aus den Sonaten Nr. III Wotq53 und Nr. IV Wotq55).

Zur Verfügung standen der Nachbau von Andreas Hermert eines fünfoktavigen, gebundenen Clavichord nach Manuel Carmo sowie eines vieroktavigen, gebundenen Clavichordes anonymer Herkunft. Bei der Behandlung der genannten Werke hat Miklós Spányi neben clavichordspezifischen, anschlagstechnischen Aspekten auch intensiv Fragen der musikalischen Phrasierung sowie der Ornamentik und deren Ausführung behandelt. Gerade bei Werken von Carl Philipp Emanuel Bach mit dessen oft vielfältigen Verzierungsvorgaben ist es hilfreich, die Stücke anfangs zunächst ohne Ornamentik zu üben und diese dann bei der weiteren Erarbeitung sukzessive einzubinden, wie Miklós Spányi verdeutlichte. Darüber hinaus hat der Kursleiter immer wieder bestimmte Details der musikalischen Gestaltung am jeweiligen Stück gemeinsam mit dem jeweiligen Teilnehmer näher beleuchtet und auch selbst eindrucksvoll demonstriert. Allen Teilnehmern hat dieser Interpretationskurs überaus wertvolle und hilfreiche Anregungen für das Clavichordspiel vermittelt.